Angst oder Furcht

Furcht löst Angst aus, ist aber nicht die Angst selbst. Wir fürchten uns vor etwas, das wir bereits erlebt und nicht überwunden haben. Wir können uns aber auch vor etwas fürchten, ohne zu wissen warum. Das ist der Fall bei Phobien.

Fürchten tun wir uns vor etwas ausserhalb von uns. Furcht wird uns eingetrichtert, eingeredet, sodass sie in uns Angst auslöst. Angst ist kein Feind. Sie ist ein Werkzeug, das Wachsamkeit erzeugt, damit wir Gefahren erkennen und entsprechend handeln. Angst wird immer wieder aufs Neue überwunden, wenn die Gefahr vorüber ist.

Doch, was passiert wenn wir uns zum Beispiel vor etwas fürchten, etwa einer Pandemie, einem Krieg, einem Klimawandel, oder aber auch einer Spinne, einem Hund, sozialen Interaktionen, über das wir keinen Einfluss haben? Die Angst wird aufrechterhalten. Wir können, so glauben wir, die Gefahr nicht beseitigen.

Nicht also die Angst muss besiegt werden, sondern die Furcht. Gelingt es uns, diese zu besiegen, so können wir auch die Angst überwinden. Gelingt uns das nicht, so möchten wir unsere Angst legitimieren und wir unterwerfen uns der Furcht, ohne zu erkennen, dass diese von außen kommt und wir etwas dagegen unternehmen können. Erkennen wir diese als irrational, so entziehen wir ihr ihre Macht und die Gefahr kann beseitigt werden, was die Angst in uns schwinden lässt.

Angstzustände resultieren aus äußeren Befürchtungen, die eine Macht auf uns ausüben. Die Angst ist legitim, nicht aber die Befürchtungen, die sich nur von der Angst nähren, die sie selbst auslösen. Die Furcht trinkt am Hahn der Angst, den sie aufdreht, weil sie befürchtet, dass sie verdurstet.

Selbstfindung

Der Fluss sucht sich nicht selbst, er fließt bis zum offenen Meer, umgeht Hindernisse, zeichnet Kurven und entsteht erst nachdem er die Quelle mit dem Meer verbunden hat, mit dem er sich vereint.

Er treibt mit sich den Mühl, den wir hineinkippen, wie so viel Leid aus dem Leib. Im Meer, kristalisiert all dieser Mühl zu Salz, dasselbe das unsere Leib-Gerichte Meer-Geschmack verleiht. Wir werden eben mit unseren eigenen Sünden gesalzen und werden bewusster.

Nehmen wir an, das Festland ist das Bewusstsein und der Ozean, das Unterbewusstsein. So wird dem Fluss, der sich durch das Bewusstseinsland schlängelt, bei jedem überwundenen Hinderniss immer mehr bewusst. Und just in dem Augenblick, indem er im Ozean des Unbewussten mündet, ist sein Bewusstsein am Höchsten, denn dort, ist er sich vollkommen bewusst. Dort erfährt er das gesamte Potenzial seiner Quelle. Und dort wird er wieder zum Unbewussten, in dem aber das gesamt Bewusstsein fließt. Und so kommt, dass das Unbewusste gleichzeitig das Bewusste ist.

Nun stellen Sie sich ihr „Selbst“ genau so vor. Wie der Fluss, schöpfen Sie ihre Kraft aus ihrer Quelle, lassen es Schritt für Schritt entstehen, sowie der Fluss Meter für Meter wächst. Eines Tages kommt der Moment, indem Sie ihr Potenzial vollkommen entfaltet haben und Sie sich ganzheitlich erfahren. Doch es war keine Suche, sondern ein Weg und wo immer sie stehen, ist der Weg immer der Richtige.

Wer aufhört zu suchen, hat bereits gefunden.

Zeitraub

Es gibt so viel, was ich gerne tun würde, aber ich habe so viel zu tun!

Wer schneller lebt, lebt nicht länger. Das Ziel des Lebens ist der Tod und wer schneller rennt, erreicht ihn auch schneller. Kennen Sie das Paradox der Zwillinge? Der Zwilling A, der durch das All mit Lichtgeschwindigkeit schießt, während sein Bruder E auf der Erde bleibt, ist nach einer bestimmten Dauer jünger als sein Bruder E. Daraus könnte man also schließen, dass Geschwindigkeit jung hält. Lebt deshalb der Mensch immer schneller?

In der Musik machen die Pausen die Melodie, und so ist es mit dem Leben auch. Ich fragte einst Kindern wie oft ihre Eltern „schnell“ sagen: „zieh dich schnell an!“, „Wasch schnell die Hände!“, „Steig schnell ein!“, „Geh schnell auf Toilette!“. Kinder erleiden das Tempo ihrer Eltern als wären sie lästig, wenn sie sich dem nicht anpassen können. Dadurch wird ständig Druck auf sie aufgebaut und man wundert sich, dass die Kinder irgendwann nicht bei sich sind, abgelenkt und unkonzentriert sind. Dafür geben wir ihnen aber gar nicht die Zeit.

Kinder, die nie erfahren, dass sie sich für gewisse Sachen die nötige Zeit nehmen dürfen, lernen ungeduldig zu sein. Ihre Frustrationsschwelle wird sehr niedrig, was zu fordernden Persönlichkeiten führt und schlussendlich, zu unheimlich viel Stress. Es ist also wichtig zu entschleunigen, und wenn nicht für uns selbst, dann wenigstens für unsere Kinder. Profitieren werden wir sowieso alle davon.

Zeit haben wir in Wahrheit, wenn wir langsam gehen. Weil Zeit eine nicht existierende Sache ist, sondern eine Illusion, verwechseln wir sie mit Dauer, also Distanz. Dauer und Distanz sind ein und dieselbe Sache, denn Zeit lässt sich nur durch Bewegung messen. Wenn A und E mit unterschiedlichem Tempo einen Punkt P erreichen wollen, legen sie die gleiche Distanz zurück, nur nicht in der gleichen Zeit. A, der schneller ist, braucht 10 Minuten um bei P anzukommen, während E 20 Minuten braucht. Wer hat also mehr Zeit?

Wir haben also nicht mehr Zeit, wenn wir schneller gehen, wir packen nur mehr in einer gleichen Dauer rein. An dem Punkt stellt sich die Frage der Wahrnehmung, der Wertschätzung für das was einem begegnet.

Den Menschen wird es nie langweilig, und das ist das eigentliche Problem. Ihnen wird kurzweilig, sobald sie zum Stillstand kommen. Aber wer nie stoppt, kommt doch nie an. Lassen wir uns das mal durch den Kopf gehen.

Dem Leben einen Sinn geben

Macht zur Gewalt

Vor den Ereignissen der letzten Jahre, wird erzählt, daß die Welt im Wandel ist und, daß nichts dagegen getan werden kann. Als sei es der normale Lauf der Dinge. Und tatsächlich gehört das zu unserer Normalität, weil Normalität zur Realität erklärt wurde. Was wir beobachten, ist eine Veränderung der Machtverhältnisse. Mit unserem schwarz/weiß Denken, wägen wir ständig ab, welche Seite im Recht ist. Doch eins wollen sie alle: sich durchsetzen.
Dieses Streben nach Macht ist schon allein der Beweis dafür, daß alle lügen. Im Gegenteil zu der Wahrheit, hat es die Lüge nötig, sich durchzusetzen. Nur der, der lügt und der sich irrt, hat Angst davor, mit seiner eigenen Lüge, mit seinem Irrtum konfrontiert zu werden. Er ist also bemüht, seine Lüge zur Wahrheit zu machen, seine Sicht der Umständen zu erzwingen. Daraus können wir schließen, daß Machtausübung den Beweis für die Lüge mit sich bringt.
Nur, wer strebt denn so sehr nach Macht, und warum? Versucht derjenige, der Macht ausübt etwas zu verbergen?
Da Machtausübung eng mit Verachtung und mangelnde Liebe verbunden ist, stellt sich die Frage, wo dieses verachtende Gefühl und diese Lieblosigkeit ihre Wurzeln schlagen. Was wird in dem Objekt der Macht gesehen? Was wird durch Machtausübung objektiviert, das subjektiv empfunden wird?
Nun etwas, das tief in einem selbst missachtet und verachtet wird. Ein Anteil, der, wenn überhaupt, schwach entwickelt ist und unterbunden wird. Ein Anteil, der nicht nach Macht strebt, sondern nach Entfaltung, Authentizität. Ethimologisch,bedeutet Authentizität „sich durch die eigene Autorität definieren“. Dieser Anteil ist also nicht zum blinden Gehorsam bereit. Er ist unverfälschlich und unbestechlich.
In unserer Realität, beziehungsweise Normalität, wird nur derjenige zur Machtausübung zugelassen, der sich einer gewissen Autorität fügt, der sich anpasst und sich einer herrschenden Ideologie anschließt, indem er die Erwartungen erfüllt, dem Credo folgt. Dafür muss der authentische Anteil gezügelt, unter Kontrolle gehalten werden, schlimmstenfalls sterben. Und genau diese Selbst-Verleugnung ist es, die das Machtstreben überhaupt notwendig macht und die auf seinen Nächsten projiziert wird.
Es ist eine erschreckende Erkenntnis in einer Gesellschaft, die den Erfolg nur den Mächtigen zuspricht und alles andere als „schwach“ betrachtet. Die kapitalistische Ideologie, die „wirtschaftliches Wachstum“, „Gewinn“ und „Profit“ über alles stellt, baut vollkommen darauf auf, da der Profit zwangsläufig bedingt, daß andere zu kurz kommen. Wir sehen uns heute mit all den Effekten dieser Ur-Lüge konfrontiert, die zur sämtlichen Formen der Gewalt, der Ausbeutung, der Manipulation, der Unterwerfung, der Erniedrigung, des Betrugs uvm. geführt hat. Die Konsequenzen dieser Selbst- Verleugnung sind in sämtlichen zwischenmenschlichen Beziehungen, auf alle Ebenen der sozialen Hierarchie zu sehen. Die Gier des Kapitalismus beruht auf eine innere Leere, die im außen mit Maßlosigkeit kompensiert wird. Jedoch vergeblich, denn Kompensation kennt keine Zufriedenheit. Und wenn einst, alles Materielle in Besitz genommen wurde, kann nur noch das Leben genommen werden, was zum Mord und Tod führt. Menschen können nicht in Liebe und Frieden nebeneinander leben, weil sie innerlich einen Loyalitätskonflikt schüren, der sie zerreißt. Dieser Verrat an dem eigenen liebenden, authentischen Anteil erzeugt das Monster, das im Außen seiner inneren abgründigen Leere zu entkommen versucht. Dieses Monster nennt sich „Teufel“, der an und für sich nicht existiert, sondern nur das Ergebnis der Abspaltung mit unserer inneren Selbstliebe ist.
Dieser Verrat an der eigenen Authentizität entsteht paradoxerweise aus dem Bedürfnis geliebt zu werden. Im außen sehnen wir uns nach einer Liebe die bedingt ist. Die eben bedingt, daß wir uns „liebenswert“ machen und uns dadurch selbst verleugnen. Wird tatsächlich diese bedingte Liebe im außen geerntet, so stellt der authentische Anteil eine Gefahr für die Erhaltung dieser bedingten Liebe dar und wird deshalb umso mehr verdrängt, als daß die bedingte Liebe überlebenswichtig ist. Um sie nie zu verlieren, wird man zu immer mehr bereit, womit der Selbst-Haß wächst, die auf seinen Nächsten projiziert wird. Man steckt tatsächlich in einem „Teufelskreis“.
Wer sie nicht bekommt, fühlt sich falsch, nicht angenommen und wird sein Selbst dafür verantwortlich machen und haßen. Diese Ablehnung, die im außen erfahren wird, spiegelt die Selbst-Ablehnung zurück. Doch anstatt sich anzunehmen, wird dem Selbst die Schuld dafür gegeben und man rebelliert oder resigniert im außen in dem Maße, wie man im inneren rebelliert und resigniert. Das Selbst wird für falsch erklärt oder es wird gegen die geltende Autorität im außen rebelliert, wie im inneren die eigene Autorität nicht anerkannt wird.
Derjenige, der die bedingte Liebe bekommt, kleidet seinen Haß in guten Absichten. Derjenige, der sie nicht bekommt, lebt seine Gewalt ungeschminckt aus und wird brutal, herzlos oder er lässt sich zu dem reduzieren, was ihm die äußere Autorität vorhält zu sein: ein Schwacher, ein Versager, ein Taugenichts, ein Bedürftiger.
Ohne Selbst-Ermächtigung, ohne Authentizität, wird es den Menschen nie besser gehen, dieser Teufelskreis wird nie gebrochen und der Teufel nie besiegt. Zumal sein Weiterbestehen, die Garantie für die Machterhaltung ist.

Der innere Frieden

Stellt er sich in uns ein, so herrscht er auch außerhalb von uns. WAS dafür zu tun ist, ist denkbar einfach, wenn man draufgekommen ist. Nur das WIE bleibt eine Herausforderung.
Wir sind in bewußter oder unbewußter Interaktion mit unserer Umwelt, und zwar dauerhaft. Was wir im außen sehen, hören, fühlen, in einem Wort wahrnehmen löst Reaktionen in uns aus: etwa Gefühle, Eindrücke, Empfindungen und Gedanken. Sie werden von dem was (für) wahrgenommen wird angetriggert. Mal sind sie gut und angenehm, mal weniger. Und wenn sie einmal ausgelöst wurden, bleibt uns nicht anderes übrig als mit ihnen fertig zu werden.
Erzeugt eine Situation oder ein Mensch Wut, Groll oder Hassgefühle in uns, so leben diese in uns weiter. Draußen ist die Situation vergangen, der Feind ist weitergezogen. Nur wir bleiben mit diesen Gefühlen allein. Sie sind gegenwärtig, allgegenwärtig. Trigger kommt, Trigger geht, Gefühle bleiben.

Im außen lässt sich nichts mehr verändern, die Vergangenheit ist Ewigkeit. Darauf zu warten, daß sich etwas außerhalb von uns tut, das diese Gefühle oder Gedanken verschwinden lässt, ist vergeblich und macht uns Machtlos.
Wir haben nur auf das, was in uns lebt einen Einfluss. Die Legitimität unserer Gefühle wird nicht in Frage gestellt. Sie dürfen sein. Gar keine Frage. Doch sind sie uns dienlich? Bringen sie uns weiter?
Am liebsten wäre nichts passiert und die Gefühle wären gar nicht entstanden. Sie werden in die Enge gedrängt, leisten aber Widerstand. Geben wir also ihnen ein Daseinsrecht. Wie gesagt, sie dürfen sein, sind legitim. Wer gehört wird, hört auch auf zu schreien.
Es erweist sich deshalb als schwierig, diesen unangenehmen Gefühlen loszuwerden, weil der Widerstand in Wahrheit gar nicht gegen die Gefühle geleistet wird, sondern gegen das Ereignis, das sie ausgelöst hat.
Wir wollen das Erlebte ungeschehen machen, anstatt, daß wir die Situation so annehmen wie sie ist. Und genau dieser Kampf um das Ungeschehen machen, verstärkt unsere inneren Gefühle von Angst, Bedrohung, Aussichtslosigkeit, Ausgeliefertsein. Wenn wir aber die Situation akzeptieren, so verlieren die inneren Gefühle allmählich an Kraft bis sie irgendwann verschwinden, weil wir uns vor dem Geschehen ergeben. Diese Gefühle bestehen nämlich ausschließlich aus der Energie, die darein gesteckt wird, die Situation aus-zuhalten, anstatt sie zu integrieren. Wer aus-hält, lässt nichts hinein, integriert also nicht. Wir können den Gefühlen also nicht loswerden, solange wir gegen das Geschehen im außen kämpfen, weil die Gefühle die Kampfenergie selbst sind. Und der innere Frieden kann sich nur einstellen, wenn der Kampf im außen beendet wird.

Die erlebte Bedrohung, Enttäuschung, Verletzung mag weit zurückliegen, sie besteht in der Außenwelt aber weiter durch die innere Interpretation und Wahrnehmung der Welt des Verwundeten. Einmal verwundet, immer verwundet, sozusagen. Sich einzugestehen, daß die Gefahr vorbei ist ermöglicht uns, Frieden in uns zu schließen, einen friedlichen Blick auf die Welt wieder zu werfen.
Frieden ist nämlich auf nichts und niemandem mehr böse zu sein. Dazu kommt, daß Frieden mit Freiheit einhergeht. Denn nicht mehr die äußeren Umstände bestimmen über uns, sondern wir selbst über sie. Das ermächtigt uns, macht uns unabhängig… also frei.

Die zentrifugalkraft der Technologie

Schneller! Das ist das, was die Technologie uns bringt: Schnelligkeit… Und Bequemlichkeit. Ein Bedürfnis ist nur noch einen Klick entfernt. Der ganze Prozess zur Erfüllung eines Bedürfnisses bleibt uns ersparrt. Alles kann sofort befriedigt werden. Die Technologie wirkt wie eine Zetrifugalkraft auf unseren Körper. Je schneller sie für uns arbeitet, desto weniger kommen wir in Bewegung. Je mehr wir uns der Lichtgeschwindigkeit nähern, desto regungsloser werden unsere Körper.
Sich das Leben bequem zu machen ist etwas anderes als sich das Leben leicht zu machen. Wir versinken in unseren Couchs, von wo aus wir alles erledigen. Alles wird nach Hause geliefert, die KI denkt für uns. Unsere Körper werden schwer, immer schwerer, während alles immer schneller geht. Der Druck der Geschwindigkeit macht es uns unmöglich aufzustehen.
Wann kommt nun der Zeitpunkt, an dem wir herausgeschleudert werden und gegen eine Wand mit voller Wucht prallen? Denn das passiert, wenn wir nicht vorher bewußt entschleunigen, aussteigen.

Es wäre zu wünschen, dass wir die Ursache dieser Schwere, dieses Drucks, die wir so oft spüren, erkennen. Es wäre zu wünschen, dass wir lernen wieder langsamer zu gehen, damit wir wirklich Zeit haben. Schnelligkeit frisst Zeit. Es ist einfach nicht wahr, dass wir uns dadurch Zeit sparren.
Nur langsam fühlt sich die Zeit lang an, also haben wir nur langsam viel Zeit. Doch wer erträgt noch die Ruhe, wer genießt noch die Stille? Was passiert mit uns, wenn nichts passiert?
Wir haben verlernt geduldig zu sein. Wir haben gelernt frustriert zu sein und werden fordernd. Wir wollen alles sofort, am liebsten mühelos. Das macht alles wertlos. Also begehren wir die nächste begehrenswerte Sache, und so fort. Hauptsache Befriedigung! Wir kommen nie zu Frieden.

Sinnesreize / Gedanken. Was war vorher da?

Unser Körper ist mit Sinnesorganen ausgestattet, mithilfe derer wir unsere Umwelt wahrnehmen können. Sie arbeiten wie Antennen, die Informationen aus der Umwelt empfangen, welche durch Neurotransmitter an unser Gehirn weitergeleitet werden. Dort werden sie aufgenommen, verarbeitet und gespeichert. Daraus entstehen entsprechende Gedanken.
Diese wiederum beeinflussen die Empfänglichkeit unserer Sinnesorganen für eine, den Gedanken entsprechenden Information. Und so schließt sich der Teufelskreis zwischen den Sinnen und den Gedanken und wir sehen, hören, spüren die Welt schwarz, rosa, bunt, bedrohlich, freundlich oder wie auch immer.
Unser Körper wird süchtig nach der gewohnten Information und richtet all seine Sinne auf sie. Er ist wie ein Junkie, der nach dem vertrauten (Boten)Stoff sucht, wie schädlich er auch sein mag. Und so nähren wir immer wieder die gleichen Gedanken.
Ohne ein Bewußtsein dafür, wie Gedanken überhaupt entstehen, läuft dieses Programm vollkommen selbstständig weiter und wir werden Opfer unserer Gedanken. Doch wir können jederzeit die Kontrolle über sie wiedererlangen ehe sie uns kontrolieren.
Dafür müssen wir wieder in Kontakt mit unserem Körper treten, ihn wieder fühlen. Am besten geht es in der Stille, dort wo er den verlockenden Reizen nicht mehr ausgesetzt ist.

Diese Verbindung zum eigenen Körper ist nicht mit Hautpflege, Massage, Fitness, Sport, Ernährung zu verwechseln, denn es geht nicht um Gestaltung und Formgebung, nicht darum den Körper einem strengen Programm zu unterziehen, sondern darum, hinzuhören, hinzufühlen. So können wir die Qualität der aufgenommenen Information erkennen und bei Bedarf etwas dran ändern, die Antennen neu richten.
Sich neu richten, heißt seine Sinne neu richten, eine neue Information empfangen, und schon macht das Leben wieder mehr Sinn. Wir verbinden uns wahrhaftig mit unserem Geist nur durch den Körper. Deshalb sollte dieser geschont und nicht geschönt werden, gepflegt und nicht geformt, bemalt und optimiert werden. Wer seinen Körper einem Optimierungsprogramm ständig unterzieht, ist empfänglich für die Information „Optimierung“ und nicht unbedingt mit sich selbst verbunden.

Wann ist Achtsamkeit wirklich Achtsamkeit?

Achtsam sind wir, wenn wir mit uns selbst in Verbindung bleiben. Es mag paradoxal klingen, denn die Achtsamkeit wird doch auf die gegenwärtige Aktion oder seinen Gegenüber gerichtet.
Wie ist das also möglich, vollkommen bei der Sache oder bei jemandem zu sein, wenn ich ganz bei mir bin? Und wie kann ich gleichzeitig bei mir und beim anderen sein?
Tatsächlich, bezeichnet Achtsamkeit die Fähigkeit, bei sich bleiben zu können, sich selbst und seiner inneren Welt vollkommen bewußt zu werden um sich von seiner Umwelt und alldem was sie umfasst abzugrenzen, zu unterscheiden. Wenn mir dieses Bewusstsein für mich selbst in diesem Ausmaß gelingt, so kann ich tatsächlich die Welt und die Menschen um mich herum vollkommen wahrnehmen, ohne mich mit ihnen zu identifizieren oder sie mit mir zu verwechseln.
In der Achtsamkeit findet keine Projektion statt, sondern eine Reflexion. In der Projektion beziehe ich alles auf mich, mache mir selbst zum Mittelpunkt der Welt, die ich dann nach meinem inneren Empfinden interpretiere. In der Reflexion, beziehe ich mich immer auf mich selbst und weiß dadurch, dass alles was mich betrifft aus mir herauskommt. Die Welt mag Eindruck auf mich machen, dennoch bin ich derjenige, der diese Eindrücke mit Emotionen belastet.
Meine Umwelt existiert unabhängig von mir, ob ich mit dieser interagiere oder nicht. Umgekehrt stimmt das aber nicht. Ich selbst existiere nicht ohne meine Umwelt. Ich existiere IN dieser Welt. Ich bin eine Welt in dieser Welt. Ich bin der Mittelpunkt meiner inneren Welt, nicht aber der äußeren Welt.

Schenke ich meiner inneren Welt die nötige Achtsamkeit, so bin ich mir selbst bewusst und grenze mich von meiner Umwelt ab, die ich dann ebenfalls als selbst existierend wahrnehmen kann. Wir existieren beide nebeneinander, gehen in einer Beziehung zueinander und in ihrer Neutralität, zeigt sich die Welt so wie ich sie sehen will. Mein Selbstbewusstsein kann nicht entstehen, wenn ich Opfer der Umstände werde. Dies ist der Fall, wenn ich fest davon überzeugt bin, daß ich die Welt so sehe wie sie tatsächlich ist, wo sie in Wahrheit so ist, wie ich sie gerne sehe.
Achtsam bin ich also, wenn ich die Welt von der persönlichen Wahrnehmung, die ich von ihr habe, unterscheiden kann. Achtsam bin ich mit meinem Nächsten, wenn ich seine Gefühle von den Gefühlen, die er in mir auslöst, unterscheide.

Achtsamkeit wird mit „Aufmerksamkeit“ aber auch mit „vollkommenes Bewußtsein“ auf französisch übersetzt. Ich glaube nämlich, dass ich meine Aufmerksamkeit erst jemandem wahrhaftig schenken kann, wenn ich mir selbst möglichst bewusst bin. Und das ist wahrhaftige Achtsamkeit.