Begleitung im therapeutischen Prozess

Leid hat eine vielfältige Art und weise sich auszudrücken. Wir sind bemüht sie alle zu benennen und für jede dieser Ausdrucksformen, eine passende Therapie anzubieten. So finden sich Therapeuten für Angst, Depression, Trauma, Zwang, Burn out, Essstörung, usw…

Festzustellen ist tatsächlich, dass jede dieser Erkrankungen ihre eigenen Merkmale hat. Das Essverhalten des zwanghaften mag relativ irrelevant sein, doch viele Essgestörte Patienten entwickeln Zwänge. Depression zeigt sich durch eine ausgeprägte Antriebslosigkeit, Angst durch ein Vermeidungsverhalten. Doch die Depression ist gekennzeichnet durch tiefe Ängste, und die Angst selbst kann zu einer depressiven Verstimmung führen. Sie so auseinanderzunehmen, als wären sie unterschiedliche Krankheiten, mag also doch nicht so sinnvoll sein.

Ist schließlich die konventionelle Psychotherapie und ihre multiplen Verfahren nicht das medikamentöse Pendant der Körper-Medizin? Beansprucht sie nicht für sich die Behandlung der verschiedenen Störungen durch entsprechende Methoden, die letztendlich jeweils die Symptomen lindern, jedoch nicht die Ursache behandeln? Der Patient mag nach einer gewissen Zeit eine Verbesserung erleben, doch hat er nicht nur eine neue Verhaltenstechnik erlernt? Hat er nicht nur gelernt, anders zu funktionieren und zwar so, dass die Symptomen in Schach gehalten werden?

So wird es einer belehrten Gesellschaft ermöglicht, die Behandlungsfähigkeit für sich zu beanspruchen, welche Fähigkeit durch qualifizierte Ausbildung erworben werden will. Man ziert sich mit Qualifikationen, die man Qualifi-zierung nennt.

Je mehr ich mich mit meinen Patienten und ihren Störungen auseinandersetze, desto mehr erkenne ich deren gemeinsamen Nenner, nämlich das Leid, das sich in sämtlichen Symptomen ausdrückt, und seinen eigenen Ursprung in sonst was findet. Um an dieses Leid zu kommen, braucht es nicht zwangsläufig eine langwierige, meist teure Ausbildung. Zumindest ist diese nicht der Garant für einen bewussten Umgang mit dem Leid, höchstens mit den Symptomen.

Auf Letztere zu fokussieren kann meines Erachtens contra-produktiv sein, denn man nimmt dem Patienten genau das weg, was ihm bisher geholfen hat: seine Schutzmechanismen und zwar, ohne das zu lösen, weshalb sie entwickelt wurden. Es kann tatsächlich bewirken, dass der Patient sich von ihnen befreien, doch er trickst sich so nur selbst aus. Die Symptomen allein auszuschalten ohne die Spannung rauszunehmen ist wie auf die Flamme zu pusten ohne die Glut auszulöschen.

Denn, was ist mit dem Leid? Dieses braucht vielmehr eine Akzeptanz, eine Legitimität, die vom Therapeuten einzig und allein verlangt, dass er einen schützenden Rahmen schafft, indem der Patient in Kontakt mit seinem Leid kommen kann ohne die Mechanismen hochzufahren. Ist dieser Rahmen gegeben, so erfährt der Patient, dass sein Leid als solches, als Gefühl, ihm nichts anhaben kann. Es anzunehmen entzieht ihm seine Kraft, die in der Aufrechterhaltung der Abwehrmechanismen geschöpft wird. Nicht mehr gegen sein Leid zu kämpfen macht es machtlos. Den Patienten dahin zu bringen ist letztendlich alles was der Therapeut durch seine Begleitung und nicht durch seine Intervention, tun kann und braucht.

Gelingt es dem Patienten sein Leid zu fühlen, anzunehmen und loszulassen, so gibt er automatisch seine ganzen Abwehrmechanismen auf. Diese ergeben sich von selbst, bzw. vor dem Selbst. Dadurch, dass das Leid, gegen das sie gerichtet sind, nicht mehr verdrängt, sprich bekämpft, wird, gibt es keinen Grund mehr sich dagegen zu wehren.

Leid ist schließlich keine Krankheit. Es ist ein Bestand des menschlichen Lebens und es lässt sich niemals vermeiden. Viktor Frankl sagt zurecht: „Der Mensch muss wieder lernen Leidensfähig zu sein“. Das Grad des Leids oder dessen Empfinden ist entscheidend für den Prozess des sich Ergebens. Ebenfalls entscheidend ist die Fähigkeit des Therapeuten, dem Patienten Halt zu gewähren, ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Das heißt, der Therapeut initiiert den Prozess nur, wenn er von sich weiß, dass er vor der Reaktion des Patienten auf die Konfrontation mit seinem Leid Ruhe bewahren kann. Schließlich darf der Therapeut von der kathartischen Wirkung der Konfrontation nicht mit-überwältigt werden, sondern ihr mit Ruhe entgegenwirken, wie etwa die Hebamme, die die Arme offen hält, während die Mutter das Kind zur Welt bringt.

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