Macht zur Gewalt

Vor den Ereignissen der letzten Jahre, wird erzählt, daß die Welt im Wandel ist und, daß nichts dagegen getan werden kann. Als sei es der normale Lauf der Dinge. Und tatsächlich gehört das zu unserer Normalität, weil Normalität zur Realität erklärt wurde. Was wir beobachten, ist eine Veränderung der Machtverhältnisse. Mit unserem schwarz/weiß Denken, wägen wir ständig ab, welche Seite im Recht ist. Doch eins wollen sie alle: sich durchsetzen.
Dieses Streben nach Macht ist schon allein der Beweis dafür, daß alle lügen. Im Gegenteil zu der Wahrheit, hat es die Lüge nötig, sich durchzusetzen. Nur der, der lügt und der sich irrt, hat Angst davor, mit seiner eigenen Lüge, mit seinem Irrtum konfrontiert zu werden. Er ist also bemüht, seine Lüge zur Wahrheit zu machen, seine Sicht der Umständen zu erzwingen. Daraus können wir schließen, daß Machtausübung den Beweis für die Lüge mit sich bringt.
Nur, wer strebt denn so sehr nach Macht, und warum? Versucht derjenige, der Macht ausübt etwas zu verbergen?
Da Machtausübung eng mit Verachtung und mangelnde Liebe verbunden ist, stellt sich die Frage, wo dieses verachtende Gefühl und diese Lieblosigkeit ihre Wurzeln schlagen. Was wird in dem Objekt der Macht gesehen? Was wird durch Machtausübung objektiviert, das subjektiv empfunden wird?
Nun etwas, das tief in einem selbst missachtet und verachtet wird. Ein Anteil, der, wenn überhaupt, schwach entwickelt ist und unterbunden wird. Ein Anteil, der nicht nach Macht strebt, sondern nach Entfaltung, Authentizität. Ethimologisch,bedeutet Authentizität „sich durch die eigene Autorität definieren“. Dieser Anteil ist also nicht zum blinden Gehorsam bereit. Er ist unverfälschlich und unbestechlich.
In unserer Realität, beziehungsweise Normalität, wird nur derjenige zur Machtausübung zugelassen, der sich einer gewissen Autorität fügt, der sich anpasst und sich einer herrschenden Ideologie anschließt, indem er die Erwartungen erfüllt, dem Credo folgt. Dafür muss der authentische Anteil gezügelt, unter Kontrolle gehalten werden, schlimmstenfalls sterben. Und genau diese Selbst-Verleugnung ist es, die das Machtstreben überhaupt notwendig macht und die auf seinen Nächsten projiziert wird.
Es ist eine erschreckende Erkenntnis in einer Gesellschaft, die den Erfolg nur den Mächtigen zuspricht und alles andere als „schwach“ betrachtet. Die kapitalistische Ideologie, die „wirtschaftliches Wachstum“, „Gewinn“ und „Profit“ über alles stellt, baut vollkommen darauf auf, da der Profit zwangsläufig bedingt, daß andere zu kurz kommen. Wir sehen uns heute mit all den Effekten dieser Ur-Lüge konfrontiert, die zur sämtlichen Formen der Gewalt, der Ausbeutung, der Manipulation, der Unterwerfung, der Erniedrigung, des Betrugs uvm. geführt hat. Die Konsequenzen dieser Selbst- Verleugnung sind in sämtlichen zwischenmenschlichen Beziehungen, auf alle Ebenen der sozialen Hierarchie zu sehen. Die Gier des Kapitalismus beruht auf eine innere Leere, die im außen mit Maßlosigkeit kompensiert wird. Jedoch vergeblich, denn Kompensation kennt keine Zufriedenheit. Und wenn einst, alles Materielle in Besitz genommen wurde, kann nur noch das Leben genommen werden, was zum Mord und Tod führt. Menschen können nicht in Liebe und Frieden nebeneinander leben, weil sie innerlich einen Loyalitätskonflikt schüren, der sie zerreißt. Dieser Verrat an dem eigenen liebenden, authentischen Anteil erzeugt das Monster, das im Außen seiner inneren abgründigen Leere zu entkommen versucht. Dieses Monster nennt sich „Teufel“, der an und für sich nicht existiert, sondern nur das Ergebnis der Abspaltung mit unserer inneren Selbstliebe ist.
Dieser Verrat an der eigenen Authentizität entsteht paradoxerweise aus dem Bedürfnis geliebt zu werden. Im außen sehnen wir uns nach einer Liebe die bedingt ist. Die eben bedingt, daß wir uns „liebenswert“ machen und uns dadurch selbst verleugnen. Wird tatsächlich diese bedingte Liebe im außen geerntet, so stellt der authentische Anteil eine Gefahr für die Erhaltung dieser bedingten Liebe dar und wird deshalb umso mehr verdrängt, als daß die bedingte Liebe überlebenswichtig ist. Um sie nie zu verlieren, wird man zu immer mehr bereit, womit der Selbst-Haß wächst, die auf seinen Nächsten projiziert wird. Man steckt tatsächlich in einem „Teufelskreis“.
Wer sie nicht bekommt, fühlt sich falsch, nicht angenommen und wird sein Selbst dafür verantwortlich machen und haßen. Diese Ablehnung, die im außen erfahren wird, spiegelt die Selbst-Ablehnung zurück. Doch anstatt sich anzunehmen, wird dem Selbst die Schuld dafür gegeben und man rebelliert oder resigniert im außen in dem Maße, wie man im inneren rebelliert und resigniert. Das Selbst wird für falsch erklärt oder es wird gegen die geltende Autorität im außen rebelliert, wie im inneren die eigene Autorität nicht anerkannt wird.
Derjenige, der die bedingte Liebe bekommt, kleidet seinen Haß in guten Absichten. Derjenige, der sie nicht bekommt, lebt seine Gewalt ungeschminckt aus und wird brutal, herzlos oder er lässt sich zu dem reduzieren, was ihm die äußere Autorität vorhält zu sein: ein Schwacher, ein Versager, ein Taugenichts, ein Bedürftiger.
Ohne Selbst-Ermächtigung, ohne Authentizität, wird es den Menschen nie besser gehen, dieser Teufelskreis wird nie gebrochen und der Teufel nie besiegt. Zumal sein Weiterbestehen, die Garantie für die Machterhaltung ist.

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